Posts mit dem Label Francisco Sanz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Francisco Sanz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 19. Januar 2015

Blutiges Blei

Il prezzo del potere (Italien/Spanien, 1969)

Der Amerikanische Bürgerkrieg ist beendet, doch der Konflikt zwischen Norden und Süden schwelt weiter. Besonders in Texas gibt es konspirative Strömungen, die weiter am Sezessionsgedanken festhalten und den liberalen Kurs der Regierung inbrünstig ablehnen. Präsident Garfield will die Wogen persönlich glätten und macht sich auf den Weg nach Dallas, doch schon während der Anreise entgeht er nur knapp einem Attentat. Bill Willer, dessen Vater den Verschwörern ins Gehege gekommen war und dafür mit dem Leben bezahlen musste, kann den Anschlag in letzter Sekunde verhindern. Schließlich in der Stadt angekommen schwebt Garfield noch immer höchster Gefahr, denn nicht nur Personen aus der reichen Oberschicht, auch der Sheriff und sogar der Vizepräsident gehören zu den Verrätern.
Zwei Jahre nach der gemeinsamen Zusammenarbeit für Der Tod ritt dienstags griff Tonino Valerii zum zweiten Mal auf Giuliano Gemma als Hauptdarsteller zurück und füllte mit einem verstrickten Polit-Thriller den Rahmen eines Italowesterns. Hierfür verwob er historische Realität und Genre-Fiktion miteinander. In seinem Präsidenten vereinen sich Attribute des 20. US-Präsident James Abraham Garfield, der tatsächlich den Folgen eines Attentats erlag, allerdings erst knapp zwei Jahrzehnte nach dem Sezessionskrieg an die Macht gelangte, und John F. Kennedy, der wie Garfield im Film als liberaler Politiker in einem offenen Wagen in Dallas erschossen wurde. Valerii greift ebenfalls Motive der damals noch recht aktuellen Verschwörungstheorien auf, die sich um Kennedys Ermordung rankten, wie etwa die Theorie vom zweiten Schützen.
Für einen Spaghetti-Western mutet sich Blutiges Blei mit einem zunächst undurchsichtigen Mordkomplott und subtilen Kommentaren zu den Themen Pressefreiheit und Rassismus eine durchaus komplexe Handlung zu, die vor allem in der zweiten Hälfte auch einige Längen verursacht. Formell bleibt Valerii dem Genre jedoch absolut treu und erfüllt mit bekannten spanischen Kulissen wie dem Flagstone-Set, welches für Spiel mir das Lied vom Tod errichtet worden war, einem wie immer äußerst agilen Giuliano Gemma, dem spannungsreichen Score von Django-Komponist Luis Bacalov und optischen Standards wie Reißzooms alle Erwartungen. Unverkennbar ist dabei der Einfluss Sergio Leones, dem er bei den Dollar-Filmen assistierte. Valerii bringt aber auch eigene Ideen ein, wie das erinnerungswürdige Duell im Dunkeln, bei dem sich die Kontrahenten lediglich an der Zigarrenglut des anderen orientieren. Dank solcher Szenen gerät Blutiges Blei nicht nur zu einem außergewöhnlichen Western, der seine politisch motivierte Geschichte einmal nicht vor den Hintergrund der mexikanischen Revolution stellt, sondern darüber hinaus auch zu einem besonders starken Genrevertreter.

Alternatives aus der Titelschmiede: La muerte de un presidente
Locations: Tabernas, Western Leone, La Calahorra
Location-Vergleich: Für eine Handvoll Drehorte

Dienstag, 6. Januar 2015

Knie nieder und friss Staub

Anda Muchacho, spara! (Italien/Spanien, 1971)

Roy Greenford läuft, völlig geschwächt von seiner Flucht aus dem Straflager, dem freundlichen alten Joselito in die Hände, der ihn nicht nur von seinen Ketten befreit, sondern ihn auch in seiner bescheidenen Behausung in einer Goldgräbersiedlung aufnimmt. Als die beiden am Abend mit den anderen Schürfern beim gemeinsamen Essen sitzen, erscheint einer der Minenarbeiter in fürchterlichem Zustand aus dem Nichts. Roy erfährt, dass die Mexikaner von einigen reichen Gringos brutal unterdrückt werden und das geschürfte Edelmetall zu einem Spottpreis an die Bank verhökern müssen. Wer versucht, sein Gold jenseits der Berge zu verkaufen, endet wie der Junge.
In der Stadt nimmt Roy zunächst die Dienste des Barbiers Manolo in Anspruch, doch als er diesem berichtet, dass sie einen gemeinsamen Bekannten, Emiliano, haben, zückt Schaumschläger seine Waffe, hat jedoch keine Chance gegen den schneller abdrückenden Roy. Nach und nach richtet Greenford immer mehr Leuten Grüße von Emiliano aus, woraufhin ihm stets Gelegenheit gegeben wird, als zweiter zu ziehen und seinem Gegenüber eine Ladung Blei zu verpassen.
Redfield, der gemeinsam mit Lawrence und Newman die Gegend kontrolliert, wird auf den Pistolero aufmerksam und heuert ihn an. In dem Haus, in dem die drei Männer leben, erkennt Roy, dass zwischen Lawrence und Newman ein Streit um die hübsche Jessica entbrannt ist, der schon bald tödliche Folgen haben wird und Roy in der Hierarchie nach oben befördern könnte. Doch Redfield ahnt, dass sein neuer Angestellter auf eigene Rechnung arbeitet und stellt ihm eine heimtückische Falle.
Nach Die unerbittlichen Fünf war Knie nieder und friss Staub Aldo Florios zweiter und letzter Genrebeitrag und dieser geriet zu einer bis heute sträflich unterschätzten kleinen Perle des Spaghetti-Westerns. Rückblenden zeigen Roy und Emiliano aneinander gekettet auf der Flucht aus dem Steinbruch und deuten im Verlauf des Films immer mehr zu den Hintergründen der Geschichte an. Es geht um einen Goldschatz, den die drei Schurken im Keller unter ihrem Haus sicher verwahren, doch warum Emiliano Roy auf diesen ansetzt und warum alle Ganoven bei seinem Namen in Angst erstarren, bleibt bis zum Ende nebulös.
Die Besetzung, die Florio für seinen Film zusammengetrommelt hat, kann sich sehen lassen. Der ehemalige Stuntman Fabio Testi, der seinen ursprünglichen Job so schlecht machte, dass seine Stürze im Film zwar großartig aussahen, ihn aber im Anschluss auch mal wochenlang ausfallen ließen, gibt einen erstklassigen Fremden Eastwood‘scher Prägung ab. Als sein Gegenspieler Redfield darf Eduardo Fajardo seine Paraderolle als fieser Großgrundbesitzer um einen voyeuristischen Aspekt erweitern. Während Jessica vom buckligen Lawrence vergewaltigt wird, lauert Redfield im Verborgenen, was dem Ganoven eine sinistre Aura verleiht. In weiteren Parts machen Luciano Pigozzi als Manolo und Francisco Sanz als Sidekick-Opa den Spaghetti-Cast komplett.
Keine Wünsche offen lässt auch der Härtegrad des Streifens, dem es keinesfalls an Ernsthaftigkeit und knüppelharter Action mangelt. Roy wird grausam misshandelt, der alte Joselito unter Folter beinahe ertränkt. Ein Haufen Minenarbeiter, die mitsamt ihrem Gold zu entkommen versuchen, wird massakriert und einer unter ihnen, der dafür bekannt ist, sich zur Tarnung tot zu stellen, genussvoll und unter zynischen Kommentaren abgeschossen. Doch nicht nur die Ganoven handeln gnadenlos. In der Goldgräbersiedlung wird mit einem Verräter kurzer und grausamer Prozess gemacht und selbst der Held meuchelt einen Desperado beim Wasserlassen kaltblütig von hinten.
Das Frauenbild hingegen ist ambivalenter als im Italowestern üblich. Jessica, gespielt von der im Genre wenig umtriebigen Cháro Lopez, dient zunächst als reines Lustobjekt für gleich mehrere Männer, greift allerdings später einschneidend in die Handlung ein. Erwartungsgemäß mit den Waffen einer Frau, als sie mit vollem Körpereinsatz den Schlüssel zu Roys Verlies ergattert. Die Rolle der Frau ist zugleich einer der wenigen markanten Unterschiede zu den Western Sergio Leones, an denen sich Florio orientiert hat. Besonders im in die Länge gezogenen, von Rückblenden unterbrochenen finalen Duell tritt dies überdeutlich zutage, wenn Testi plötzlich in einen Poncho gehüllt aus dem Staub hervortritt. Auch die Kamera, die immer wieder durch kreative Perspektiven auffällt, kopiert hier Eine Handvoll Dollar, wenn das Sterben durch unscharfe, verwackelte First-Person-Views dargestellt wird. Und selbst Bruno Nicolai hat für seinen großartigen Score zumindest ein wenig bei Spiel mir das Lied vom Tod abgehört.


Alternatives aus der Titelschmiede: Knie nieder Gringo und friß Staub, At the end of the rainbow , Dead Men Ride